“Wir leben in einem nie gekannten Überfluss und zappeln uns ab, als ob wir am Verhungern wären”

Der Autor Ulrich Renz über die Vorteile des Home-Office, sein Buch “Die Tyrannei der Arbeit” und wie es dazu kommen konnte, dass unser Job zu unserem Leben wurde.

Um was geht es in ihrem Buch?

Um die Macht der Arbeit über unser Leben. Ich spreche von Tyrannei, weil wir nicht wie freie Menschen leben, sondern die Arbeit über das Gesicht unseres Lebens bestimmen lassen. Dabei ist es nicht einmal unbedingt der Arbeitgeber, der die Knute schwingt, immer öfter ist es der Aufseher in unserem eigenen Kopf, der uns zu Höchstleistungen antreibt. Das moderne Arbeitsethos ist ein Ethos der Freiheit. Dank Smartphone und Internet sind wir grenzenlos frei, zu jeder Zeit und an jedem Ort zu arbeiten.
Aber wenn ich von Tyrannei spreche, geht es mir nicht nur darum, dass sich Arbeit rein zeitlich ausbreitet. Es geht vor allem darum, dass sie sich in unseren Köpfe und in unserer Seele so breit macht. Für uns „Gebildete“, die Angehörigen des leistungsbereiten Bürgertums, hat Arbeit immer mehr Definitionsmacht über das Leben angenommen. Der Job wird immer mehr zur einzigen Quelle für Selbstbestätigung, Zugehörigkeit und Lebenssinn. Gleichzeitig sind die Rollen, die wir in unserem privaten Leben vorfinden, immer wertloser und prekärer geworden, und taugen immer weniger zur Selbstdefinition. Das eigentliche Leben ist der Job, eine Familie etwa wird da immer mehr zum Störfaktor. Oder zum Job neben dem Job, den man dann eben auch noch zu erledigen hat, auf dem letzten Reserverad.
In meinem Buch stelle ich die Frage, ob das wirklich so sein muss. Wir sind die reichste Generation, die je diesen Erdball bewohnt hat, wir leben in einem nie gekannten Überfluss und zappeln uns ab, als ob wir am Verhungern wären.

Arbeiten Sie lieber im Home-Office oder im Büro?

Ich bin zufrieden, zu Hause zu arbeiten. Am meisten genieße ich es, wenn ich wirklich allein bin – meine Frau in ihrer Praxis, meine Tochter in der Schule. Das sind die besten und kreativsten Stunden. Ich bin mal gefragt worden, ob ich mich nicht so einer Bürogemeinschaft von Kreativen anschließen will. Aber schon der Gedanke, da dann immer hinfahren zu müssen! Und dann immer irgendwo drinnen in einem Raum zu sein. Hier zu Hause kann ich mich raus in den Garten unter den Apfelbaum setzen. Ich mag es auch, zwischendurch andere Sachen zu machen, das rhythmisiert den Tag. Also die Spülmaschine ausräumen, eine Dosis Vokabeln lernen oder den Weinstock schneiden. Aber klar hat es auch Nachteile, immer so alleine zu arbeiten. Manchmal fehlen mir die kleinen Begegnungen, die sich im Büro so ganz zwischendurch ergeben, das Witzchen am Kaffeeautomaten. Und manchmal beneide ich meine Frau, wenn sie abends nach Hause kommt, und ihre Arbeit wirklich hinter sich gelassen hat. Aber letztlich ist das eben eher eine Frage der Mentalität als des räumlichen Arrangements.

Ulrich Renz über die Arbeit im Home-Office: “Hier zu Hause kann ich mich raus in den Garten unter den Apfelbaum setzen”.

Was denken Sie läuft vollkommen falsch in unserer heutigen Arbeitswelt?

Mich nervt, dass in den großen Unternehmen dieses verlogene Gerede von den „Visionen“ um sich greift, denen das Unternehmen angeblich folgt, den „Missionen“, auf denen es sich befindet, oder den „Werten“, an denen es sich orientiert. Den Mitarbeitern wird suggeriert, dass das Unternehmen einen höheren Daseinszweck hat, für den es sich lohnt, sich einzubringen. Dazu gehört auch das ganze Getue vom „Team“ oder gar der „großen Familie“, zu der man sich zugehörig fühlen darf.
Natürlich ist es so, dass Menschen in Gruppen besser arbeiten, dass sie sich zugehörig fühlen wollen, und dass sie in ihrer Arbeit einen Sinn sehen wollen. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass Firmen ihren Mitarbeitern die Arbeit schöner machen. Aber so zu tun, als ob sie einen Lebenssinn anzubieten hätten, oder mit ihren Produkten die Welt retten würden, ist schlicht und einfach verlogen. Eine billige Psychotechnik, die Leute dazu zu bringen, ihre letzten Reserven zu mobilisieren, und dabei nicht einmal zu merken, dass sie in Wirklichkeit für irgendwelche anonymen Anteilseigner arbeiten.

Und was bekommen wir schon ganz gut hin im Vergleich zu vor ein paar Jahrzehnten?

Ich finde es ein gutes Zeichen, dass die Ansprüche der Berufsanfänger an ihren Arbeitsplatz steigen. Ich musste mich früher als Jungarzt von irgendwelchen autoritären Chefärzten zusammenfalten lassen. Heute, wo nicht nur im Gesundheitswesen sondern in vielen anderen Branchen händeringend nach Fachkräften gesucht wird, ist der Ton netter geworden. Ein Chef der alten Schule wäre weg vom Fenster. Und das ist definitiv ein Fortschritt.

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